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Interview mit Charly Diehl, dem Gründer des Independent Theatre
von Zett Philip

Zett Herr Diehl, am 29.1.2009 startet ihr Stück: Schmetterlinge fliegen gänzlich unbeeindruckt. Dabei geht es um den arabisch-westlichen Konflikt. Haben sie keine Angst, dass sie sich mit diesem Thema übernehmen ?
Diehl Jedes Theater – egal in welcher defizitären Liga es auch spielen mag – wäre mit der üblichen Terror-Imperialismusdebatte überfordert. Um dem Thema gerecht zu werden, müsste man sehr viel Journalismus betreiben. Zuviel Journalismus für Theater.
Zett Das hört sich fast so an, als wollten sie sich vor einer eindeutigen Stellungnahme entziehen.
Diehl Ich will mich nicht zwischen dem Folterer, mit Lügen kriegführenden, undemokratisch an die Macht gekommenen Saddam Hussein und dem Folterer, mit Lügen kriegführenden, undemokratisch an die Macht gekommenen Herrn Bush entscheiden müssen. In Wirklichkeit kann man doch nur feststellen, dass die Arschlöcher ziemlich gerecht auf die Kulturen verteilt sind.
Zett Wollen sie die amerikanische Gesellschaft mit der eines diktatorischen, islamistischen Regimes vergleichen?
Diehl Natürlich kann man in den USA behaupten, dass auf ihrem Boden nicht gefoltert wird. Doch auf Guantanamo Bay wird systematisch und unentwegt gefoltert. Das hat selbst eine so zurückhaltende Organisation wie das Rote Kreuz festgestellt. Kein Mensch wird das, was in den USA gerade passiert, mit Faschismus in Verbindung bringen, doch es muss erlaubt sein zu bemerken, dass auch Auschwitz nicht auf deutschem Boden war.
Zett Sie können doch nicht allen Ernstes Bush mit Hitler gleichsetzen!
Diehl Sehen sie was gerade mit ihnen passiert? Ich habe die Reizworte Faschismus und Ausschwitz genannt, und sie, der sie alles andere sind als ein Bushfreund, fühlen sich genötigt, für ihn Partei zu ergreifen. Genau um diesen Mechanismus geht es in unserem Stück. Die Vorurteile, Hetzparolen, Halbwahrheiten schwirren in beiden Kulturen durch die Luft und vernebeln das Hirn.
Zett Sie haben die Rolle der Sinnim mit einer deutschen Schauspielerin besetzt. Befürchten sie bei einer arabischen Schauspielerin unzumutbare Anfeindungen? Immerhin verhört sie barhäuptig einen Mann und stochert mit einer langen Stange nach dessen Genital.
Diehl Genauso funktioniert die herrschende Paranoia. Man verschweigt erst mal, dass ein arabischer Mensch, stellvertretend für alle Araber,und mit dem Background jahrhundertelanger kolonialer Unterdrückung westlicher Ausbeutung, einen westlichen Menschen zur Rede stellt. Am Anfang steht immer diese diffuse Angst. Ohne diese Angst hätte Herr Bush niemals mit seinen durchsichtigen Lügen Krieg führen können.
Zett Und Saddam Hussein hat seine Kriege gerecht geführt?
Diehl Ein Saddam Hussein hatte für seine Kriege keine durchsichtigen, sondern offensichtliche Lügen. Doch darum geht es uns nicht. Es geht darum, dass jede Seite der anderen Aggression vorwirft, um dann noch aggressiver zurückschlagen zu können. Dieses alttestamentarische Auge um Auge führt nur dazu, dass alle Welt blind wird. So hat es Gandhi beschrieben.
Zett Wollen sie Osama Bin Laden mit einer Lichterkette aufhalten?
Diehl Natürlich sind wir dafür, dass Terror bekämpft wird. Aber was ist mit dem Gedankenterror. Terror fängt in den Köpfen an. Wenn das, durch die Globalisierung, neuformierte kollektive Bewusstsein der verschiedenen Gesellschaften auf dem geringsten Niveau gestaltet wird, heißt das nur, dass wir steinzeitliche Gewalt mit Hightech-Mitteln erleben werden. Als Theatermensch interessiert es uns, wie man entgegen der eigentlichen Meinung dazu kommt, sich gegenseitig die Vorurteile und Halbwahrheiten des anderen Kulturkreises vorzuwerfen. Terror fängt im Kopf an. Herabwürdigung auch. Wir wollen dem innersten Kern dieser Mechanismen auf die Spur kommen, und machen das mit zwei Figuren, die dem anderen Kulturkreis durchaus positiv gegenüber stehen.
Zett Und wie kommen ihrer Meinung nach diese Vorurteile in die Köpfe rein?
Diehl Man kann aus seinem Kulturkreis nicht aussteigen wie aus einer Badewanne. Auch nicht, wenn man schon in der dritten Generation in Deutschland lebt. Tradierte Werte bestimmen fast überall das Lebensgefühl.
Zett Zum Schluß lassen sie ihre beiden Hauptdarsteller vor der untergehenden Sonne sich gegenseitig stützend auf einer Mine stehen. Glauben sie nicht, dass das für ein Stück, in dem es um Terror, Märtyrertum und Ölimperialismus geht, nicht zu niedlich ist?
Diehl Ich bewundere ihren journalistischen Eifer, sie sind ein toller Hecht, obwohl ich mich frage, ob sie im Deutschen Theater genauso investigativ nachfragen würden. Zum Schluß bleibt der Mensch. Das gilt für uns alle. Und es gibt Situationen, in denen der Mensch den Menschen bedroht. Aber es gibt auch Situationen, in denen der Mensch dem Menschen ein Freund sein kann. Daran wollten wir erinnern. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Zett Vielen Dank für das Gespräch.



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